Dezember 2008
Monatliches Archiv
30. Dez. 2008 um 15:30 Uhr
Die Kickers brannten sich in mein Herz
Von David Schreiber, Fellbach
Mein erstes mal auf dem Kickersplatz, das war in der Saison 1985/1986. Unter unserem Trainer Dieter Renner wurde das Waldau-Stadion zur Festung.
Eine Mannschaft mit vielen Identifikationsfiguren wie Ralf Vollmer, Alois Schwarz, Ralf Forster oder Frank Elser, um nur einige zu nennen. Die Stimmung war einmalig, dieser Verein war einfach liebenswert. Der folgende Aufschwung mit den unglaublichen DFB-Pokalspielen 1987 und Siege gegen die damaligen Bundesligisten Fortuna Düsseldorf, Hannover 96 und Eintracht Frankfurt und dem unvergesslichen Finale in Berlin gegen den übermächtigen HSV. Die Kickers brannten sich in mein Herz und blieben drin. Zwei Aufstiege in die 1.Bundesliga folgten, und damit auch der größte Fehler in der Vereinsgeschichte, der Umzug ins Neckarstadion. Wegen ein paar vermeintlich mehr verkauften Sitzpatzkarten hat man sein größtes Kapital hergegeben: Unser Stadion. Bis heute sind nicht wenige davon überzeugt, den fehlenden einen! Punkt 1989 oder das fehlende eine! Tor 1991 im Waldaustadion vor sicher dann immer ausverkauftem Heimpublikum geholt zu haben. Diese Atmosphäre, diese Nähe zum Spiel, Fussball pur.
Deshalb: Auch für die Zukunft gilt: Die Kickers ohne Ihr Stadion sind nicht vorstellbar. Kämpft für unser Stadion, unterstützt die Stuttgarter Kickers!
24. Dez. 2008 um 11:12 Uhr
Seitenwechsel: 90 Minuten Kickerssturm hautnah
Von Patrick Keifer, Stuttgart
Mein wohl erstes Kickersspiel im Waldau Stadion war am 16. September 1995, ein Spiel im Aufstiegsjahr in die zweite Bundesliga gegen die Spvgg Greuther Fürth. Ich war damals elf Jahre alt und mein 20 Monate älterer Bruder hatte den Auftrag bekommen auf mich aufzupassen. Von irgendwoher hatten wir Freikarten bekommen und so machten wir uns mit der alten Straßenbahnlinie 15 auf den Weg hoch zur Waldau, stiegen am Fernsehturm aus und liefen durch den Wald zum Stadion.
Da man auf dem Weg durch den Wald schon die Fans hören konnte wurden unsere Schritte immer schneller. Im Stadion blieb ich stets an der Seite von meinem Bruder, um ihn in der Menschenmenge nicht zu verlieren. Wir stellten uns zentral, hinter dem Torwart der Gäste in den G-Block. Wir konnten sogar in der ersten Reihe stehen und bekamen so alles mit. Wir hörten, was die Spieler miteinander redeten und spürten auch den Luftzug der Bewegungen. Für ein 11 Jahre altes Kind, das zwar auch schon Kapitän in der F-Jugend beim SV Gablenberg war, sind das unbeschreibliche Erlebnisse, weil man so nah dran ist am Spiel, dass man fast schon dabei ist.
Leider fiel im ersten Durchgang kein Tor, aber mein Bruder wusste, was in der Halbzeit zu tun ist. Erst mal gaben wir unser gemeinsames Taschengeld für eine Kickersfahne (mit dem schönen Wappen drauf) aus, anstatt eine Wurst zu essen, wie es unsere Eltern angeordnet hatten. Danach machten wir uns auf den Weg hinter das andere Tor, um wieder die Kickersstürmer sehen zu können.
Und diese zeigten dann auch ihr wahres Können. Erst waren es Sailer und Kevric, die ein Tor erzielten und später noch Beierle, der zu unserem ersten Lieblingsspieler wurde. Das eine Gegentor störte uns wenig, fiel es doch auf der ganz anderen Seite und wir waren auch damit beschäftigt mit unserer neuen Fahne zu wedeln und die Gesänge der Fans nachzusingen.
Voller Freude über den Sieg blieben wir noch eine Weile im Stadion, weil wir gar nicht mehr nach Hause gehen wollten und konnten so noch einen weiteren Höhepunkt erleben: Die Spieler kamen alle am Zaun direkt vor uns vorbei und klatschten mit uns ab.
Wieder zu Hause spielten wir mit unserem Softball auf der Wendeplatte vor dem Haus noch einmal das Spiel nach. Das Tor von Beierle, aber auch die Gesänge der Fans wurden wiederholt.
Seit diesem Spiel wollte ich immer wieder zu den Kickers ins Waldau-Stadion. Obwohl meine Eltern wenig Interesse an Fußball hatten, war es ihnen wegen der familiären Atmosphäre lieber, wenn wir ins Waldau-Stadion zum Fußball gingen als wo anders hin in Stuttgart. Aber ich wollte sowieso nirgends anders hin.
Im Laufe der Jahre habe ich nicht nur über hundert Spiele im Waldau-Stadion gesehen, sondern auch viele Auswärtsspiele und viele andere Fußballspiele und Stadien in ganz Europa. Aber egal wo ich auch war, wie groß oder modern das Stadion auch war, im Waldau-Stadion ist es immer noch am schönsten. Hier habe ich so viele Erinnerungen, hab so viele Freunde getroffen, so viel Zeit von meinem Leben verbracht und so viel erlebt, dass es sehr schade wäre, wenn nur die Erinnerungen bleiben und keine Neuen dazukommen.

22. Dez. 2008 um 07:32 Uhr
Vom VfB E-Block zum Kickers-Stehplatz
Von Bernd Schelling, Korntal-Münchingen
Ich hatte wahrlich eine schwere Kindheit! Gegen Ende der 60er Jahre saß ich regelmäßig mit meinem Dad auf den privilegierten Logenplätzen des VfB. Und dies nicht weil mein Vater besonders freizügig das Geld ausgegeben hätte! Nein, es gab Freikarten durch meine Mutters Freundin, die auf der Geschäftsstelle des VfB recht freizügig über das Kontingent verfügen konnte.
Hautnah Fußball war mir aber immer viel lieber. So ging ich, an der Hand meines Vaters, auf die „Ebene“ und besuchte Spiele der Gablenberger oder Ostler. Die „Ebene“ befindet sich nur einen Katzensprung vom Kickersplatz entfernt. Der erste große Schritt - weg vom Neckar- war also getan.
Irgendwann, damals kam man zur 2. Halbzeit noch umsonst ins Stadion, „verirrten“ wir uns ins Kickers- Stadion. Natürlich zur 2. HZ! Und hautnaher geht’s nicht! Die Stimmung war prächtig, die Schweißperlen der Kicker mit ihren runtergelassenen Stutzen- natürlich ohne Schienbeinschoner- mühelos erkennbar. Und fortan bearbeitete ich meinen Dad schon montags, dass wir am Wochenende wieder „rauf gehen“, zum Kickersplatz!
Die alte Holztribüne habe ich noch gut in Erinnerung. Damals war es noch angesagt, zur Halbzeitpause die Seiten zu wechseln. Also pilgerten wir mit den Massen vom einen Hintertor-Stehplatz zum gegenüberliegenden und standen immer da, wo unsere blauen Götter (die Roten waren schon lange Historie) einlochten, also hinter dem Gästetor.
Zu Bundesligazeiten, ich glaube es war gegen Wattenscheid, hatten wir im Neckarstadion einen Liga- Zuschauer-Minusrekord. Wir verloren den Kick auch noch was den unvergesslichen Thomas Leibl (BILD) zur Headline „Wat’n Schied“ veranlasste. Der gute Thomas, zwischenzeitlich leider verstorben, war der Meister des Herrengedecks: Ein Achtele Württemberger Rotwein und dazu einen Klaren. Unvergessen! Und unser Präsi (für immer und ewig „der Präsi“), der ADM verkündete, auf die magere Zuschauerzahl angesprochen ganz cool: „so hatte wenigstens jeder seinen eigenen Notausgang“. Hat es geregnet, haben einen die Kickers nie im Regen stehen gelassen und mit Lautsprecherdurchsage dazu aufgefordert, auf die Tribünen zu kommen.
Ich könnte noch hundert Geschichten erzählen! Die Kickers waren und sind eine große Familie. Ohne Allüren, ohne übertriebenes Schickimicki, aber mit dem Herz am rechten Fleck! Tradition, Herzblut und Authentizität. Das sind meine Kickers! Für immer blau!
19. Dez. 2008 um 19:16 Uhr
Liebe auf den ersten Blick
Von Tim Geideck, Ballungsraum Stuttgart
Es gibt Dinge im Leben, die sind nicht planbar. Wie etwa die Liebe. Als ich in der Pubertät war, da habe ich mich verliebt. Doch was ich liebte, das hatte keine üppigen Brüste, keine vollen Lippen, keine graziöse Ausstrahlung. Was ich liebte, hatte geschmackvolle Stadtviertel, Weinberge, die zwischen Hochhausgassen hervor blinzeln, und oben drauf einen Fernsehturm. Und natürlich die inneren Werte: Eine vielfältige, bunte und multikulturelle Einstellung, einen liebevollen Charme hinter der spießigen Fassade, eine Gefühl von Geborgenheit.
Und so wurde mir in der Pubertät als sportbegeisterter Jugendlicher schnell klar, dass ich mich in meiner geliebten Stadt auch für einen Fußballverein entscheiden musste. Nur kennt man das ja zu gut: Im jugendlichen Leichtsinn begeht man Fehler und so fand ich mich Mitte der 90er Jahre plötzlich auf den Tribünen des Neckarstadions wieder, wo der VfB gegen Borussia Mönchengladbach antrat. Es passierte genau das, wovon so viele andere Jugendliche bei ihrem wirklichen ersten Mal erzählen: Es war ein Flop. Es tat nicht weh, aber es machte keinen Spaß. Es war nicht das, was ich gesucht habe. Und bevor sich überhaupt Gefühle entwickeln konnten, war ich längst über alle Berge. Genau genommen nur über einen Berg, denn wenige abgerissene Kalenderblätter später stand ich oben in Degerloch. Es packte mich sofort, es war Liebe auf den ersten Blick. Die Atmosphäre, die Leute, das Stadion. Aus der U7 aussteigen und ins Leben einsteigen.
Charaktere, wie Toni Sailer, Dragan „Läbbä geht weiter“ Stepanovic oder der Gechinger. Das war meine Welt. Ich war unsterblich verliebt in diesen blauen Mikrokosmos. Und bin es noch heute. Um keinen Preis der Welt will ich mit „denen da unten“ in Cannstatt tauschen wollen. Diese anonyme Glitzerwelt, die sich zwischen modernen Glasbauten an der Mercedesstraße aufgebaut hat, verkörpert das, was ich nie sein wollte. Ich mag mein Königssträßle, meine Waldau-Haltestelle, meinen Fernsehturm-Kiosk und vor allem mein Stadion oben in Degerloch. Das ist für mich mehr als eine wilde Affäre. Das ist wahre Liebe.
17. Dez. 2008 um 16:33 Uhr
Mein zweites Erstes Mal
Von Alexander Rosen, Stuttgart
Zum ersten Mal betrat ich das Waldaustadion am 04.05.2003 als ich mit meinem damaligen Verein 1. FC Saarbrücken zu Gast auf Degerlochs Höhen war. Die Partie am 33. Spieltag der Regionalliga Süd endete vor 5.200 Zuschauern 1-1 und selbst als Spieler der Gastmannschaft war es damals etwas besonderes bei den Kickers zu spielen, da außer in Darmstadt und in Erfurt die Stimmung aufgrund der teilweise doch sehr geringen Zuschauerzahlen bei den anderen Auswärtsspielen eher dürftig war. Dies soll aber nur am Rande erwähnt werden, da ich hier von meinem “zweiten ersten Mal” berichten möchte - meinem ersten Mal als Blauer!
Am 15.03.2008 war es endlich soweit. Nach einer langen und intensiven Vorbereitung stand ich also vor meinem Debut als Kickersspieler im heimischen Gazistadion. Eigentlich hätte die Premiere schon 2 Wochen vorher stattfinden sollen, aber aufgrund eines plötzlichen Wintereinbruchs konnte das erste Heimspiel im Kalenderjahr 2008 gegen den SC Pfullendorf nicht ausgetragen werden. Da seitdem gerade einmal 9 Monate vergangen sind, kann ich mich natürlich besonders genau an alle Umstände erinnern.
Die finanzielle Situation zum damaligen Zeitpunkt war angespannt und ein Blick auf die Tabelle machte jedem klar, dass das anstehende Spiel gegen die U 23 des FC Bayern München schon als richtungsweisend für das Erreichen des großen gemeinsamen Zieles “Qualifikation für die 3. Liga” einzustufen war. Nicht wenige hatten uns daher - und es sollte nicht das letzte Mal in der laufenden Saison sein - nicht mehr auf der Rechnung, woran auch der hochverdiente Auswärtspunkt eine Woche zuvor bei den als stark eingeschätzten Siegenern nichts änderte.
Bevor ich an diesem Samstag zum ersten Mal den Bereich der Heimmannschaft in den Katakomben des Gazistadion betrat, bog ich noch kurz Richtung Spielfeld ab, um mir den Rasen etwas genauer anzusehen und meine Schuhwahl danach auszurichten. Er war in keinem perfekten Zustand, was aber die langsam in mir aufkommende Vorfreude über meine Premiere vor heimischem Publikum im keinster Weise verringerte. Im Gegenteil - als ich damals vor noch leeren Zuschauerrängen in der Nähe des Mittelkreises stand, bekam ich richtig Lust loszulegen, damit das Projekt 3. Liga doch noch ein erfolgreiches Kapitel in der langen Geschichte der Stuttgarter Kickers werden sollte…
In der Kabine zeigte mir unser Zeugwart Dieter Kerschbaum meinen Platz, an dem schon das Trikot mit der Nummer 20, die Stutzen und die kurze Hose fein säuberlich aufgehängt waren. Ich zog mich um und nach der Besprechung machten wir uns bereit auf den Platz zu gehen. Die Spannung in der Garderobe war regelrecht greifbar, da jedem die Situation bewusst war und der besondere Umstand, dass den Kickers in der Vorrunde dieser Saison kein einziger Heimsieg gelang motivierte jeden einzelnen - auch wenn sich das bei mir etwas seltsam anhören mag - bis in die Haarspitzen.
Ich kann allerdings nicht leugnen, dass auch die Nervosität langsam in mir stieg, da wir in diesen Tagen einem immensen Druck ausgesetzt waren. Es ging hier schließlich nicht nur um den sportlichen Erfolg, sondern auch um Arbeitsplätze und den Verein an sich, die Leidenschaft so vieler Blauer…
Nun war der Moment also endlich gekommen. Wir gingen zum Warm-up auf den Platz und schon nach kurzer Zeit stellte sich in mir dieses Gefühl der freudigen Spannung ein, welches wohl jeder Fußballer kennt, der schon vor größerer Kulisse gespielt hat. Aus den Lautsprechern erklang “I came for you” von Manfred Manns Earth Band und ich konnte es nicht mehr erwarten endlich zu spielen…
Nach Beendigung des Aufwärmens und kurzer Konzentrationsphase in der Kabine konnte es nun losgehen. Wir standen am Spielfeldrand und die ca. 3.000 Zuschauer empfingen uns in Anbetracht der prekären Situation erstaunlich freundlich und klatschten zur Melodie des Vereinslieds “Heja Kickers vor” rhythmisch im Takt. Die Marschrichtung war klar und das Spiel begann aus unserer Sicht auch durchaus vielversprechend, denn wir hatten die sehr spielstarken Bayern in der 1. Halbzeit recht gut im Griff. Auch zu Beginn der 2. Halbzeit waren wir das druckvollere Team und nichts ließ darauf schließen, was sich nach dem Führungstreffer der Bayern nur wenige Minuten später bei uns abspielen sollte. Wir waren als Team wie gelähmt und wurden mit zunehmender Spieldauer immer unsicherer, was darin gipfelte, dass der Gegner in den letzten 10 Minuten 4 mal alleine auf unseren überragenden Torhüter David Yelldell zugelaufen ist.
Nur seiner Klasse hatten wir es zu verdanken, dass die Niederlage nicht höher ausfiel und so ging mein erstes Heimspiel für die Stuttgarter Kickers mit 0 zu 1 verloren.

Luftkampf zwischen Alexander Rosen (links) und Daniel Sikorski (Eibner-Pressefoto)
Mein persönliches Debut wurde im Nachhinein als sehr ordentlich bezeichnet und mir schlug vom ersten Tage an eine Welle der Sympathie entgegen, worüber ich sehr dankbar bin. Ich hoffe, dass ich etwas davon wieder zurückgeben konnte und verspreche allen, dass wir als Mannschaft auch dieses Jahr wieder alles in unserer Macht stehende tun werden, um den Klassenerhalt zu sichern - wovon ich übrigens zu 100 % überzeugt bin.
Ich habe in dieser kurzen Zeit bei den Kickers schon so viele emotionale Momente erlebt, dass es für mich persönlich nur schwer vorstellbar ist, nächstes Jahr nicht im Waldaustadion einzulaufen. Im Gegensatz zu den mittlerweile vielen hochmodernen und zweifelsohne reizvollen Arenen in Deutschland bietet unser kleines Schmuckkästchen am Fernsehturm gewissermaßen “Fußball pur”. Der kurze Abstand zum Rasen, die etwas veralteten Fassaden, der Geruch von Bratwurst und Bier, das Knirschen der alten Lautsprecher und das leidenschaftliche Mitfiebern auf den Rängen erzeugen immer wieder diese besondere Atmosphäre für Spieler und Fans gleichermaßen.
Ich hoffe daher, dass die Stadt auch in diesen finanziell schwierigen Zeiten einen Weg findet, das Gazistadion auszubauen, um dadurch die Auflagen für den Spielbetrieb in der 3. Liga zu erfüllen.
Die sportlichen Voraussetzungen werden wir als Mannschaft und Fans im Verbund schaffen - als Kämpfer, Könner und Kameraden!
Blaue Grüße
Euer Mannschaftskapitän Alexander Rosen
PRO WALDAUSTADION
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