Von Andi Kuttner, Berlin
Dank www.fussballdaten.de kann ich meinen ersten Besuch im Kickers-Stadion exakt datieren: es war der 19.5.1984, der Gegner hieß RW Oberhausen, und das Spiel endete 1:1. Das Tor erzielte Andreas Merkle, dessen Sturm-Partner Jürgen Klinsmann an jenem Tag, letztes Heimspiel der Saison, mit einem Blumenstrauß verabschiedet wurde.
Es war mein erster Besuch in einem Fußball-Stadion, ehe ich eine Woche später nach München fuhr, wo es ebenfalls einen Abschied gab: für mich als 10-jährigen war Karl-Heinz Rummenigge mein damaliges Idol, und dieser wurde beim 3:2 gegen Bayer Uerdingen vor 26.000 Zuschauern im Olympiastadion nach Mailand verabschiedet. Überhaupt waren seinerzeit noch die Bayern mein eigentlicher Verein, und der Besuch bei den Kickers war eher dazu geeignet gewesen, überhaupt mal ein Stadion von innen zu sehen.
Da mein Vater jedoch schon immer ein „Blauer“ gewesen ist, gingen wir auch in den Folge-Spielzeiten ab und zu ins Kickers-Stadion, u.a. gegen Union Solingen, Alemannia Aachen und andere Zweitliga-Größen jener Zeit. Und durch die mit den Besuchen geschaffene Verbindung verfolgte ich auch immer aufmerksamer die Tabelle der 2. Liga und das Schicksal der Kickers. Die in der Hinrunde meist eher schlecht da standen, es durch enorme Aufholjagden in der Rückrunde aber immer noch auf die Plätze 5 bis 7 schafften…
1986/87 war ich dann voll dabei, als der Höhenflug im DFB-Pokal gelang: 2:0 gegen Hannover, 3:1 gegen Eintracht Frankfurt, der Sieg gegen Düsseldorf im Halbfinale, und dann das traurige Ende in letzter Minute im Finale gegen den HSV. Wir waren dabei, als einige Fans die Jungs und Trainer Dieter Renner am Flughafen empfingen: gerührt strich dieser meinem Bruder über die Wange. Durch eben meinen Bruder, der seinerzeit in der Jugend der Kickers kickte, steckte Kickers-Urgestein Herr Steinbach auch mir ab und zu eine Freikarte vor der damals noch bestehenden alten Geschäftsstelle zu. Unvergessen auch Anthony Baffoe, der noch im Jahr später, als er mit Fortuna Köln wieder auf Degerlochs Höhen war, von den Fans gefeiert wurde.
Die folgende Saison begann mit einem Paukenschlag: Saarbrücken wurde im ersten Heimspiel mit 7:0 heim geschickt, Dirk Kurtenbach mit vier Toren! In jener begeisternden Saison war ich zu fast jedem Heimspiel der Blauen „oben“ bei den Kickers, erstmals auch bei einem Auswärtsspiel, beim unglaublich-überragenden 8:0-Sieg in Ulm! So erlebte ich den ersten Aufstieg der Mannschaft um Forster, Elser und Vollmer in die Bundesliga hautnah mit: ebenso wie den Freundschaftsspiel-Sieg im Derby im Neckarstadion gegen den VfB: als „unser Demir Hotic“ (wie ihn der Kickers-Stadionsprecher seinerzeit immer nannte) die Roten abschoss, und wütende VfB-Fans nach dem Spiel versuchten, in den Gegner-Block „W“ des Stadions zu gelangen. Für einige Monate schien es tatsächlich möglich, dass sich die Gewichte im Stuttgarter Fußball-Sport zu Gunsten der Kickers verschoben.
Das „Unternehmen Aufstieg“, Verbunden mit dem Umzug ins Neckarstadion machten auch wir mit. Auch wenn auch uns natürlich der Verbleib im vertrauten, lieb gewonnenen Kickers-Stadion lieber gewesen wäre. Aber die Ausnahmegenehmigung ohne Flutlicht erschien nicht machbar, und die Degerlocher Anwohner hatten erfolgreich protestiert. Schließlich fehlte nur ein Punkt zum Liga-Verbleib. Und hätte und wäre und wenn nicht…
Fakt bleibt leider, dass die Kickers wieder abstiegen. Und sie trotz eines zweiten Aufstiegs wenige Jahre später (und eines herrlichen 4:1-Sieges bei Bayern München!) die neue Boom-Welle der Bundesliga und den Anschluss verpassten. Was mir persönlich im übrigens ganz ähnlich ging: u.a. durch die immer weiter ansteigende Kommerzialisierung verlor ich immer mehr den Spaß am Fußball, und verlagerte mein Interesse in andere Bereiche.
Es muss bis ins neue Jahrtausend gedauert haben, inzwischen war ich nach Berlin umgezogen, bis ich wieder ins Kickers-Stadion ging. Ich war erstaunt, wie authentisch dieses Stadion geblieben war: es hatte sich im Kleinen etwas verändert, so bestand die Stahlrohr-Tribüne nicht mehr, und die Gegengerade war nun (angenehmerweise!) überdacht. Dennoch war das noch Fußball live, den man erleben konnte: direkt am Spielfeldrand. Und ohne die sonst üblichen gewordenen Abtast-Kontrollen usw. am Eingang. Es hatte also auch durchaus etwas Positives und Angenehmes, dass die Kickers in den 90ern den Anschluss verloren hatten und die Zeit ein Stück weit stehen geblieben war. Fast gerührt war ich, vor Anpfiff immer noch das alte Kickers-Lied zu hören, inzwischen gefolgt von „Football’ s coming home“. Ebenso waren es, ganz wie früher, höchstens die Gäste-Fans, die Ärger und „Welle“ machten. So geschehen u.a. bei meinem Besuch gegen Saarbrücken 2006. Die Friedlichkeit der Kickers-Fans fand in der Zwischenzeit auch Niederschlag im als „Fußball-Buch des Jahres 2008“ prämierten Werkes „Ist doch ein geiler Verein“ von Christoph Ruf.
Weiterhin schätze ich das Kickers-Stadion (wie ich es immer noch nenne) sehr, und versuche meine Besuche in Stuttgart so zu legen, dass ich meinen Aufenthalt mit einem Besuch eines Heimspiels der Kickers verbinden kann. Die Lage im Wald, und der altvertraute Fußweg durch den Wald hinunter nach Rohracker gehören neben den oben beschriebenen weiterhin geltenden Vorzügen fest dazu.
Trotz einiger Fußball-loser Jahre, und trotz einer im Berliner Exil neu entstandenen Sympathie für den einst völlig abgelehnten anderen Stuttgarter Verein bin ich doch ein Blauer im Herzen geblieben, und die Kickers sind mein Verein, dem ich einen Verbleib in der attraktiven 3. Liga und für die Zukunft auch gern mehr wünsche.
Möge ihnen eine traditionell starke Rückrunde gelingen, und ihr Stadion erhalten bleiben!
Allez les bleus!






