Von Alexander Rosen, Stuttgart
Zum ersten Mal betrat ich das Waldaustadion am 04.05.2003 als ich mit meinem damaligen Verein 1. FC Saarbrücken zu Gast auf Degerlochs Höhen war. Die Partie am 33. Spieltag der Regionalliga Süd endete vor 5.200 Zuschauern 1-1 und selbst als Spieler der Gastmannschaft war es damals etwas besonderes bei den Kickers zu spielen, da außer in Darmstadt und in Erfurt die Stimmung aufgrund der teilweise doch sehr geringen Zuschauerzahlen bei den anderen Auswärtsspielen eher dürftig war. Dies soll aber nur am Rande erwähnt werden, da ich hier von meinem “zweiten ersten Mal” berichten möchte - meinem ersten Mal als Blauer!
Am 15.03.2008 war es endlich soweit. Nach einer langen und intensiven Vorbereitung stand ich also vor meinem Debut als Kickersspieler im heimischen Gazistadion. Eigentlich hätte die Premiere schon 2 Wochen vorher stattfinden sollen, aber aufgrund eines plötzlichen Wintereinbruchs konnte das erste Heimspiel im Kalenderjahr 2008 gegen den SC Pfullendorf nicht ausgetragen werden. Da seitdem gerade einmal 9 Monate vergangen sind, kann ich mich natürlich besonders genau an alle Umstände erinnern.
Die finanzielle Situation zum damaligen Zeitpunkt war angespannt und ein Blick auf die Tabelle machte jedem klar, dass das anstehende Spiel gegen die U 23 des FC Bayern München schon als richtungsweisend für das Erreichen des großen gemeinsamen Zieles “Qualifikation für die 3. Liga” einzustufen war. Nicht wenige hatten uns daher - und es sollte nicht das letzte Mal in der laufenden Saison sein - nicht mehr auf der Rechnung, woran auch der hochverdiente Auswärtspunkt eine Woche zuvor bei den als stark eingeschätzten Siegenern nichts änderte.
Bevor ich an diesem Samstag zum ersten Mal den Bereich der Heimmannschaft in den Katakomben des Gazistadion betrat, bog ich noch kurz Richtung Spielfeld ab, um mir den Rasen etwas genauer anzusehen und meine Schuhwahl danach auszurichten. Er war in keinem perfekten Zustand, was aber die langsam in mir aufkommende Vorfreude über meine Premiere vor heimischem Publikum im keinster Weise verringerte. Im Gegenteil - als ich damals vor noch leeren Zuschauerrängen in der Nähe des Mittelkreises stand, bekam ich richtig Lust loszulegen, damit das Projekt 3. Liga doch noch ein erfolgreiches Kapitel in der langen Geschichte der Stuttgarter Kickers werden sollte…
In der Kabine zeigte mir unser Zeugwart Dieter Kerschbaum meinen Platz, an dem schon das Trikot mit der Nummer 20, die Stutzen und die kurze Hose fein säuberlich aufgehängt waren. Ich zog mich um und nach der Besprechung machten wir uns bereit auf den Platz zu gehen. Die Spannung in der Garderobe war regelrecht greifbar, da jedem die Situation bewusst war und der besondere Umstand, dass den Kickers in der Vorrunde dieser Saison kein einziger Heimsieg gelang motivierte jeden einzelnen - auch wenn sich das bei mir etwas seltsam anhören mag - bis in die Haarspitzen.
Ich kann allerdings nicht leugnen, dass auch die Nervosität langsam in mir stieg, da wir in diesen Tagen einem immensen Druck ausgesetzt waren. Es ging hier schließlich nicht nur um den sportlichen Erfolg, sondern auch um Arbeitsplätze und den Verein an sich, die Leidenschaft so vieler Blauer…
Nun war der Moment also endlich gekommen. Wir gingen zum Warm-up auf den Platz und schon nach kurzer Zeit stellte sich in mir dieses Gefühl der freudigen Spannung ein, welches wohl jeder Fußballer kennt, der schon vor größerer Kulisse gespielt hat. Aus den Lautsprechern erklang “I came for you” von Manfred Manns Earth Band und ich konnte es nicht mehr erwarten endlich zu spielen…
Nach Beendigung des Aufwärmens und kurzer Konzentrationsphase in der Kabine konnte es nun losgehen. Wir standen am Spielfeldrand und die ca. 3.000 Zuschauer empfingen uns in Anbetracht der prekären Situation erstaunlich freundlich und klatschten zur Melodie des Vereinslieds “Heja Kickers vor” rhythmisch im Takt. Die Marschrichtung war klar und das Spiel begann aus unserer Sicht auch durchaus vielversprechend, denn wir hatten die sehr spielstarken Bayern in der 1. Halbzeit recht gut im Griff. Auch zu Beginn der 2. Halbzeit waren wir das druckvollere Team und nichts ließ darauf schließen, was sich nach dem Führungstreffer der Bayern nur wenige Minuten später bei uns abspielen sollte. Wir waren als Team wie gelähmt und wurden mit zunehmender Spieldauer immer unsicherer, was darin gipfelte, dass der Gegner in den letzten 10 Minuten 4 mal alleine auf unseren überragenden Torhüter David Yelldell zugelaufen ist.
Nur seiner Klasse hatten wir es zu verdanken, dass die Niederlage nicht höher ausfiel und so ging mein erstes Heimspiel für die Stuttgarter Kickers mit 0 zu 1 verloren.

Luftkampf zwischen Alexander Rosen (links) und Daniel Sikorski (Eibner-Pressefoto)
Mein persönliches Debut wurde im Nachhinein als sehr ordentlich bezeichnet und mir schlug vom ersten Tage an eine Welle der Sympathie entgegen, worüber ich sehr dankbar bin. Ich hoffe, dass ich etwas davon wieder zurückgeben konnte und verspreche allen, dass wir als Mannschaft auch dieses Jahr wieder alles in unserer Macht stehende tun werden, um den Klassenerhalt zu sichern - wovon ich übrigens zu 100 % überzeugt bin.
Ich habe in dieser kurzen Zeit bei den Kickers schon so viele emotionale Momente erlebt, dass es für mich persönlich nur schwer vorstellbar ist, nächstes Jahr nicht im Waldaustadion einzulaufen. Im Gegensatz zu den mittlerweile vielen hochmodernen und zweifelsohne reizvollen Arenen in Deutschland bietet unser kleines Schmuckkästchen am Fernsehturm gewissermaßen “Fußball pur”. Der kurze Abstand zum Rasen, die etwas veralteten Fassaden, der Geruch von Bratwurst und Bier, das Knirschen der alten Lautsprecher und das leidenschaftliche Mitfiebern auf den Rängen erzeugen immer wieder diese besondere Atmosphäre für Spieler und Fans gleichermaßen.
Ich hoffe daher, dass die Stadt auch in diesen finanziell schwierigen Zeiten einen Weg findet, das Gazistadion auszubauen, um dadurch die Auflagen für den Spielbetrieb in der 3. Liga zu erfüllen.
Die sportlichen Voraussetzungen werden wir als Mannschaft und Fans im Verbund schaffen - als Kämpfer, Könner und Kameraden!
Blaue Grüße
Euer Mannschaftskapitän Alexander Rosen
PRO WALDAUSTADION






