22. Feb. 2009 um 11:10 Uhr
Von Karsten Pflieger, Kornwestheim
Also ehrlich gesagt so ganz genau erinnere ich mich nicht mehr an mein erstes mal im Kickers Stadion. Jedenfalls saß ich noch mit meinem Vater auf der alten Holztribüne, die 1975 abgerissen wurde. Als kleiner, schwäbischer Junge habe ich jedoch nicht verstanden, warum so eine schöne, funktionale Tribüne abgerissen werden soll. Ich musste dann allerdings eingestehen, dass die neue Betontribüne komfortabler war. Auf der Tribüne bin ich dann jedoch immer nur gesessen, wenn ich mit meinem Nachbarn und seinem Sohn ins Stadion ging. Er hat uns beiden Jungs damals auch eine Kickers Fahne und eine Halskette mit einem Kickersanhänger geschenkt. Die Kette mit Anhänger habe ich die ersten Monate Tag und Nacht getragen. Später nur noch, wenn ich zu Kickersspielen ging. Die Fahne nehme ich heute noch regelmäßig mit ins Stadion.
Wenn wir mit meinem Vater im Waldau-Stadion waren, sind wir Kinder immer auf der Gegengeraden 10 Meter rechts von der Mittellinie in der ersten Reihe gestanden. Wir Jungs wurden gerne nach vorne gelassen, weil die „Großen“ leicht über uns hinweg schauen konnten. Mein Dad stand immer einige Stufen weiter oben. Wenn die Kickers Tore geschossen haben, sind wir die Stufen zu meinem Vater hochgerannt und haben uns freudig umarmt und gejubelt. Ich selbst spielte damals als Libero in der Sala-Jugendmannschaft in Kornwestheim. Daher waren Dieter Dollmann und Franz Beckenbauer meine großen Vorbilder.
Unvergessen sind für mich die Auswärtsspiele in Ulm, wenn wir zusammen mit der dortigen Verwandtschaft ins Stadion gepilgert sind. Zum einen war natürlich die große Frage, welcher Verwandtschaftsteil den Abend glücklicher verbringen konnte. Zum anderen hat man in Ulm die gleichen Leute getroffen, die auch in Degerloch regelmäßig auf den Stehplätzen standen.
Das größte und beeindruckendste, was ich mit den Kickers erlebt habe, war zweifellos das Pokalendspiel in Berlin. Schon die Fahrt mit dem Auto durch die damalige DDR, verbunden mit ewigen Wartezeiten an der Grenze und den Radarkontrollen an jedem 60er Schild war ein Erlebnis. In Berlin waren dann alle günstigen Hotels ausgebucht. Teure Hotels konnten und wollten wir Grundwehrpflichtigen und Abiturienten nicht finanzieren. Glücklicherweise haben wir bei der Mitschlafzentrale, einer Art Mitfahrzentrale für Übernachtungen, das letzte freie Bett ergattert. Letztendlich konnten wir alle 9 Freunde in der 2-Zimmerwohnung des freundlichen Vermieters unterbringen. Zum Spiel selbst sind wir dann mit unserem selbstgenähten 2,50 Meter langen Banner gezogen. „KICKERS - Pokalsieger ‘87“ stand drauf. Für den total unwahrscheinlichen Fall, dass die Blauen das Spiel gegen den HSV verlieren könnten, hatten wir vorsichtshalber noch eine 8 dabei. Und einige Sicherheitsnadeln. Das Spiel selbst war ein unbeschreibliches Emotionserlebnis. Unglaublich. Wir saßen in einem gemischten Block aus HSV und Kickers-Fans. Es waren wohl auch ein paar St. Pauli-Fans darunter, die nicht wussten ob sie für Hamburg oder gegen den HSV sein sollten. Jedenfalls war alles friedlich, lustig, aufregend und spannend. Nach dem Spiel sind wir mit unserem Banner durch die Stadt gezogen. Jetzt stand „KICKERS – Pokalsieger ‘88“ drauf. Wir haben viel Sympathie, Zustimmung und Anerkennung zu unserem Verein erlebt. Einfach schön.
Und heute? Der Sohn des damaligen Nachbarn muß nach wie vor ein überzeugter Kickers-Fan sein. Zumindest habe ich seinen Namen bei den Pixel-Käufern von „Believe in blue“ gefunden.
Heute steht mein 10-jähriger Sohn Florian ganz vorne in der ersten Reihe im „GAZI-Stadion auf der Waldau“. 10 Meter rechts von der Mittellinie (der heutige „B-Block“) und ich einige Stufen weiter oben. Wenn die Kickers ein Tor schießen kommt er zu mir hochgerannt und wir jubeln ausgiebig. Seine Vorbilder heißen Parmak, Gambo (bis vor kurzem auch Yelldell) und Schweinsteiger. In der zweiten Liga fiebert er für den SC Freiburg, weil Robin Dutt dort Trainer wurde. Kürzlich waren wir beim Derby das mit 4:4 endete und Florian erlebte auch was für Prolos bei den Roten Fan sind. Seither freut er sich noch mehr, wenn die Erstligamannschaft der Cannstatter verliert. Zumindest dieser Teil der Erziehung ist mir sehr gut gelungen!
Mir ist es unverständlich, dass die Stadtväter in Stuttgart unser Stadion links liegen lassen und Millionen für wenige Prestigeprojekte verjubeln, statt langfristig auf Tradition zu setzen. Die Kickers sind der sympathischte aller (Stuttgarter) Fußball-Bundesligavereine. Weltweit setzt man immer mehr auf reine Fußballstadien. Zuschauer möchten ganz nah dran am Geschehen sein. Das Stuttgarter GAZI-Stadion unterm Fernsehturm bietet das schon immer. Da sollten die Stadträte Ihre Prioritäten doch wirklich nochmal überdenken und die notwendigen Investitionen auf der Waldau dringend beschließen!